Okt 19

Hilfe für Eltern – wie übe ich sinnvoll mit meinem Kind?

Hilfe für Eltern – wie übe ich sinnvoll mit meinem Kind?    

„Wenn ich doch nur wüsste, wie ich helfen kann“, ein häufig von Eltern geäußerter Wunsch, deren Kind sich mit der Rechtschreibung quält. Doch können Eltern wirklich etwas tun? Einige Schulen bitten die Eltern sogar, sich vollständig aus der Rechtschreiberziehung herauszuhalten, um das Kind nicht zu verwirren. Was ist richtig? Hier einige wichtige Hinweise:

  1. Sie können nur helfen, wenn zwischen Ihnen und Ihrem Kind ein einigermaßen entspanntes Verhältnis besteht. Das bedeutet, dass während des Übens grundsätzlich eine positive Grundstimmung herrschen sollte – trotz gelegentlicher Streitgespräche und Unlustäußerungen. Klappt das gar nicht, finden Sie bitte eine andere Person, die mit dem Kind üben kann. Fragen Sie beispielsweise Großeltern, Freunde, Nachbarn, ob sie mit dem Kind üben können. Sie, die Eltern, sollten schöne Dinge mit dem Kind unternehmen und viele gute Zeiten miteinander haben, um die Beziehung zueinander zu stärken. So helfen Sie Ihrem Kind auf jeden Fall.
  2. Ja, es verwirrt Kinder, wenn Eltern völlig andere Auffassungen vertreten als die Lehrkräfte. Jedoch kann es keine unterschiedlichen Auffassungen darüber geben, wie Wörter geschrieben werden. Im Zweifelsfall reicht ein Blick in den Duden. Erklärungen, warum jenes oder dieses Wort so oder so geschrieben wird, sind manchmal ganz interessant, aber letztlich ist das nicht entscheidend. Man muss Wörter nicht erklären und oft kann man sie auch nicht erklären. Ihre Gestalt hat in der Regel historische Gründe, diese muss man aber nicht wissen, um das Wort schreiben zu können. Also klares Ja: Eltern können mit ihren Kindern Wörter üben. In Zeiten des Internets können sogar rechtschreibunsichere Eltern sich selbst und ihrem Kind in Sekundenschnelle Klarheit verschaffen. Und es ist die natürliche Aufgabe von Eltern, ihre Kinder zu lehren und ihnen Dinge beizubringen, wenn sie diese selbst beherrschen.
  3. Doch wie soll man nun üben? Meistens diktieren Eltern ihren Kindern Wörter, markieren die Fehler und diktieren dann erneut. Das ist jedoch kein Üben, sondern ein Test. Die Folgen: Das Kind steht unter Stress. Außerdem schreibt es unweigerlich Fehler, dadurch steigen die Unlust und die Unsicherheit des Kindes. Hinzu kommt – und das ist besonders bitter – dass die falsch gedachten Einfälle den Lerneffekt tatsächlich verringern. Denn: Einmal im Gehirn gedachte Gedanken nisten sich fieserweise dort ein. Man kann sie nur schwer wieder löschen. Das Kind wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen einmal gemachten Fehler ein paar Tage später wieder genauso schreiben, weil der Erinnerungsweg im Gehirn erneut abläuft wie bereits zuvor. Das ist also nicht sinnvoll. Einige Lehrkräfte wollen den Kindern diese Frustration und die unnötigen fehlerhaften Gedanken ersparen und raten aus diesem Grund vom häuslichen Üben ab. So werden jedoch auch, wie bereits gesagt, wichtige Übungszeiten für die Kinder vergeben.
  4. Und nun die gute Nachricht: Sie können das Diktieren mit ganz leichten Änderungen in eine sehr gute Übungsform umwandeln. Auf diese Weise üben Sie wirklich und das Kind arbeitet an seinen Rechtschreibgedanken. Sie helfen sozusagen dem Kind, ein funktionierendes Rechtschreibgewissen aufzubauen, das dann dazu führen wird, dass es die Wörter immer wieder richtig schreibt. Das ist Üben! Gehen Sie so vor:

A

Phase A wie Aufschreiben und Auswählen. Zeigen Sie einem Grundschulkind zuerst nacheinander alle Wörter, die Sie üben wollen (zum Beispiel 3 – 6 Wörter). Sehr gut hilft es auch, wenn Sie selbst die Wörter, während das Kind zusieht, einige Zentimeter groß aufschreiben. Benutzen Sie schwarze Stifte auf weißem oder leicht gelbem Papier. – Irgendwo findet sich immer Schmierpapier, zum Beispiel auf Briefumschlägen, Rückseiten von Briefen, alten Arbeitsblättern etc. Sie brauchen dafür keine neuen Blätter zu benutzen. Ein älteres Kind kann die Wörter in einem Buch ansehen oder sie sich selbst aufschreiben (zum Beispiel 20 -30 Wörter). Dabei hilft es, wenn die Wörter sortiert werden können, sie also auf Vokabelkarten oder einfach auf Zetteln stehen.


 Phase B wie Betrachten und Besprechen. Betrachten und besprechen Sie die einzelnen Wörter ein paar Minuten lang mit Ihrem Kind. Dabei haben Sie verschiedene Möglichkeiten: Erklären Sie, was das Wort bedeutet. Lassen Sie das Kind die Buchstaben zählen. Lassen Sie längere Wörter in Silben oder Wortbestandteile zerlegen. Zählen Sie auch die Buchstaben der Vor- und Nachsilben und die der anderen Wortteile. Schauen Sie die Besonderheiten der Wörter an, ob sie groß- oder kleingeschrieben sind, besondere Buchstaben haben usw. Es muss nicht immer alles besprochen werden. Ziel ist, die Wörter visuell bewusst wahrzunehmen. Dabei ergeben sich normalweise drei Gruppen von Wörtern: 1. Es reicht einmal aufmerksam draufzuschauen: Kann ich. 2. Ein bisschen üben ist nötig, aber dann werde ich es mir merken. 3. Für eine dritte Gruppe stellt sich vielleicht heraus: Ich kann mir das (heute) nicht behalten. Für die etwas schwierigeren Wörter, der letzen beiden Gruppen brauchen sie noch die Phase C – Chance verbessern.

Phase C wie Chance verbessern. Zeichnen Sie einen Rahmen um die Wörter und teilen Sie lange Wörter durch Stecken-Markierungen oder Silbenbögen unter dem Wort in Teilabschnitte ein. Lassen Sie das Kind üben, sich das Wort auf seinem inneren Bildschirm vorzustellen. Legen Sie die Wörter weg und sprechen Sie kurz (20 Sekunden) über etwas anderes.

Phase D wie Diktieren. Diktieren Sie nun die Wörter. ABER! Bevor das Kind das Wort schreibt, soll es das Wort zuerst erneut auf seinem inneren Bildschirm aufrufen und Ihnen sagen, was es über das Wort weiß: Wie viele Buchstaben hat das Wort? Wird es groß oder klein geschrieben? usw. Dann erst, wenn das Kind richtig liegt, wird das Wort geschrieben. Ist das Kind noch unsicher, dann schauen Sie gemeinsam das Wort noch einmal an und legen es dann wieder zur Seite. Setzen Sie das Diktieren mit einem anderen Wort fort. Hat das Kind ein Wort geschrieben, zeigen Sie ihm sofort zur Bestätigung das Wort, wie es richtig geschrieben wird. Freuen Sie sich zusammen. Und was, wenn das Wort doch falschgeschrieben auf dem Blatt landet? Am besten wäre es, wenn dies gar nicht passieren würde (s. Punkt 3). Setzt das Kind also beim Schreiben zu einer falschen Bewegung an, können Sie ein kleines Geräusch machen oder freundlich Stopp sagen. Entweder dem Kind fällt dann ein, was es eigentlich machen wollte oder Sie zeigen erneut das Wort. Alternativ warten Sie, ob das Kind bei der abschließenden Kontrolle den Fehler doch noch bemerkt. Dann können Sie sich wiederum freuen, dass das Rechtschreibgewissen aufgepasst hat. Wichtig: Alle Wörter, die unsicher waren, werden noch einmal erneut diktiert. Wenn Sie einfach (heute) nicht im Gehirn bleiben wollen, dann eben beim nächsten Mal.

E und F

Phase E und F wie Ende und Freude. Beenden Sie die Übung mit einem guten Gefühl. Stellen Sie gemeinsam fest, welche Wörter heute sicher geschrieben werden konnten. Einige Wörter der Gruppe 3 konnte sich das Kind vielleicht noch nicht vollständig merken. Freuen Sie sich gemeinsam auch über sicher geschriebene Teile von Wörtern. Das kann der erste Buchstabe sein oder eine Silbe. Der Rest des Wortes wird dann beim nächsten Mal geübt und gesichert. Beispiel: Heute konnte ich mir schon mal merken, dass Chronik mit C anfängt. Sich freuen ist wichtig, um die Übung mit einem guten Gefühl abzuschließen, um die Motivation für die nächsten Übungen aufrecht zu erhalten und um dem Gehirn zu helfen, sich das Wort zu merken.

 

  1. Achten Sie mehr auf die Gedanken des Kindes, bevor es das Wort schreibt. Bestätigen Sie die richtigen Gedanken und korrigieren Sie die irreführenden Ideen. Bleiben Sie dabei sachlich und unterstützend.
  2. Freuen Sie sich mit dem Kind über Dinge, die schon klappen. Eine positive Haltung verbessert die Motivation und Aufnahmebereitschaft des Kindes und hilft dem Gehirn gleichzeitig, sich besser an die Wörter zu erinnern.
  3. Wenn ein Wort sehr schwierig für das Kind ist, üben Sie zuerst einzelne Wortteile, z. B. die ersten drei Buchstaben und die Endung. Freuen Sie sich darüber, wenn diese sicher geschrieben werden können.
  4. Wiederholen Sie die Wörter ein paar Tage später. Bitten Sie das Kind, sich das Wort jeweils zuerst auf seinem inneren Bildschirm vorzustellen. Das kann sehr schnell gehen. Weniger als eine Sekunde auf dem Bildschirm ist bei sicheren Wörtern normal. Denn schließlich müssen wir beim normalen Schreiben so schnell sein, dass der innere Bildschirm uns jeweils vor der Handbewegung das Wort zeigt. Lassen Sie das Kind wiederum zuerst erzählen, was es über das Wort weiß. Korrigieren Sie falsche Ideen, bevor das Kind schreibt. Ist das Kind 100%ig sicher, kann es das Wort auch gleich schreiben. Freuen Sie sich zusammen. Regen Sie das Kind dazu an, sich zu freuen und seine sicheren Gefühle wahrzunehmen.
  5. Üben Sie immer so zügig wie möglich. Lassen Sie alles weg, was das Üben in die Länge zieht. Lassen Sie jedoch nicht zu, dass zu wenig Zeit darauf verwendet wird, die Wörter gründlich wahrzunehmen. Es ist besser zwei Wörter aufmerksam zu betrachten und gewissenhaft zu schreiben, als zwanzig Wörter, die dann noch nicht im Gehirn haften bleiben.
  6. Es wird Wörter geben, die das Kind nach einer gewissen Zeit wieder falsch erinnert. Das kann um so hartnäckiger sein, je häufiger das Kind das Wort in seiner Schreibkarriere schon falsch geschrieben hat (Siehe Punkt 3). Besonders kleine Wörter wie gibt, hier, für, viele sind hierfür sehr anfällig. Das liegt daran, dass ein einmal im Gehirn angelegter Erinnerungsweg für immer bestehen bleibt, auch wenn er durch Üben umgangen wird. Und es liegt auch daran, dass das Gehirn besonders bei Stress oder bei Routinehandlungen auf diese alten Erinnerungswege zurückgreift. Das kennt jeder: Man hat einen Gegenstand, z. B. ein Buch, ein Werkzeug, ein Kleidungsstück an einer neuen Stelle untergebracht. Und dann, wenn man den Gegenstand benötigt, sucht man ihn an der alten Stelle. Und erst wenn er da erstaunlicherweise nicht ist, dann fällt einem ein: Ach, ja, das wollte ich ja jetzt anders machen. So geht es dem Kind mit früheren Schreibweisen. Denken Sie sich für diese Wörter zusätzliche Hilfen aus(<– Zu diesem Inhalt erscheint demnächt ein neuer Beitrag), indem Sie weitere Sinne zur Unterstützung einbeziehen. Geben Sie nicht auf.

Sep 03

Der innere Bildschirm

Kennen Sie das? Sie üben und üben mit ihrem Kind, aber die Wörter wollen einfach nicht im  Kopf bleiben. Wie feiner Sand rieseln sie immer wieder zwischen den Gehirnzellen hindurch, zurück bleiben lediglich vage Vermutungen. Nach ein paar Stunden oder Tagen scheint nahezu nichts gefruchtet zu haben. – Wenn Sie diese Erfahrung auch schon gemacht haben, dann lohnt es sich herauszufinden, wie es um den inneren Bildschirm des Kindes steht.
Folgende Fragen sind dazu hilfreich

  1. Ist sich Ihr Kind seines inneren Bildschirms bewusst? Der inner Bildschirm ist sozusagen die innere Projektionsfläche, auf der man sich erinnert oder Szenen von Geschichten erscheinen lässt.
  2. Kann Ihr Kind diesen inneren Bildschirm bewusst wahrnehmen und zum Beispiel beschreiben, was es jetzt innerlich sieht?
  3. Kann das Kind auf diesem inneren Bildschirm etwas bewusst verändern? Also, kann es sich einen blauen Teddy auch in gelb-roten Streifen vorstellen oder das Bild größer oder kleiner werden lassen.
  4. Erscheinen auf diesem inneren Bildschirm auch Buchstaben oder nur Gegenstände?
  5. Erscheinen, wenn es das will auch ganze Wörter wie „Auto“, „Tür“, „Buch“ und bleiben dort sicher und deutlich genug stehen, um das Wort betrachten zu können.
  6. Befindet sich dieser innere Bildschirm leicht nach rechts oder links versetzt vorne vor dem Gesichtsfeld des Kindes?
  7. Erscheinen die Wörter auf dem inneren Bildschirm in korrekter Groß- und Kleinschreibung?
  8. Haben auch längere Wörter oder gar Sätze auf dem inneren Bildschirm Platz? Und sind diese in Silben oder Bausteine (Morpheme) – also sinnvoll – gegliedert?

Wahrscheinlich hat Ihr Kind an der einen oder anderen Stelle Schwierigkeiten mit der inneren Vorstellung der Wörter (visuelle Repräsentation).

Solange der innere Bildschirm nicht hilfreich eingerichtet ist, wird es weiterhin schwierig sein, die richtige Schreibweise der Wörter abzuspeichern.

Die gute Nachricht ist jedoch: Wir können unseren Bildschirm bewusst gestalten. Helfen Sie Ihrem Kind, seinen inneren Bildschirm zunächst zu entdecken und dann für das Aussehen der Wörter zu benutzen.

Wichtig: Wenn das Kind mit dem inneren Bildschirm arbeitet, gehen die Augen normalerweise nach oben oder ein wenig starr geradeaus. Wie das aussieht, sehen Sie hier.

Viele Rechtschreibungsprobleme sind tatsächlich Wahrnehmungsprobleme. Ein Wort, das über den inneren Bildschirm sicher abgespeichert ist, macht deutlich weniger Probleme. Bis zum richtigen Aufschreiben fehlt jetzt nur noch, a) das Wort vor dem Schreiben visuell abzurufen und b) die Hand entsprechend zu bewegen.

 

Jul 27

Übungsmaterial – Schriftgröße oft zu klein gewählt

Häufig ist ein Rechtschreibproblem kein Merkproblem, sondern ein Wahrnehmungsproblem. Mira wollte das Wort ‚Ägypten‘ schreiben lernen, was schon ein sehr schwieriges Wort ist. Um sich die Buchstabenabfolge von Wörtern merken zu können, hilft es, sich das Wort genau und gründlich anzusehen. Dazu schreibe ich das Wort groß und deutlich auf. Ich benutze DIN A4-Blätter und schreibe mit einem dicken schwarzen Stift. Es hilft auch, wenn Mira dabei meine langsam ausgeführte Schreibbewegung mit den Augen verfolgen kann. Anschließend bespreche ich die Merkmale des Wortes. Ich sage: „Schau, zuerst kommt ein ‚Ä‘ und dann folgen drei Buchstaben, die unten noch etwas dran haben, die gehen sozusagen in den Keller. Und dann steht da noch ein ‚ten‘. Das ‚ten‘ ist ja nicht so schwer. Das ‚Ä‘ am Anfang muss man sich natürlich merken. Schwierig sind diese drei, die an der zweiten Stelle stehen.“ Ich gebe der Schülerin Zeit. Mira versucht nun, sich die genaue Abfolge visuell einzuprägen. Dann sagt die Schülerin: „Ach ja, das ‚Ä‘ ist wie ein Kapitän, die drei sind alle unten und ‚ten‘ sieht so aus. Ich habe es.“ Damit meint sie: „Ich habe es genau wahrgenommen.“ Ich decke das Wort mit einem weißen Blatt komplett oder auch nur teilweise ab und frage Mira, ob sie das Wort trotzdem – in ihrer inneren Vorstellung – noch hier stehen sehen kann. Dies dauert einige Minuten. Ich decke das Wort so lange auf und ab, bis dies gelingt. Die Schülerin fährt dazu zur Probe die Buchstaben mit dem Finger nach, schreibt in die Luft oder projiziert das Wort innerlich an einer weißen Wand. Die Übung besteht darin, das Wort genau wahrzunehmen und die Wahrnehmung mental abzurufen. Große Schriftgröße hilft, deutliche Augen- und Schreibbewegungen wahrnehmen zu können. Mit so kleinen Wörtern in Schriftgroße Arial 12 oder 14, die Schulbuchverlage in der Regel verwenden, klappt diese Wahrnehmung nicht  so gut.  Früher arbeitete man in der Schule mit Tafeln und unbedrucktem Papier. Die Schreibanfänger konnten die Wörter groß und auf der Fläche verteilt auf ihre Schiefertafeln schreiben. Neue Wörter wurden vom Lehrer in Übergröße an die Tafel gemalt. Aus didaktischen Gründen sollten wir dies heute immer noch tun, auch wenn wir schöne gedruckte Arbeitshefte haben.

Jul 08

Warum visuell trainieren?

Viele wisssenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass so genannte Legastheniker, also Menschen mit Rechtschreibproblemen, in visueller Hinsicht entweder gleich gut wie Nicht-Legastheniker oder sogar besser abschneiden.Wieso dann visuell trainieren? – Eben aus diesem Grund. Wir nutzen diesen unproblematischen Bereich, wir nutzten diese Stärke!

„Um sich ein Wort zu merken, kann ich mir einfach merken, wie es aussieht“, welche

Ulla Kloss visuelle Bewusstheit

Ulla Kloss visuelle Bewusstheit

Erleichterung und Freude diese Erkenntnis bei Kindern und Jugendlichen mit Rechtschreibproblemen häufig auslöst, muss man erlebt haben.Oft setzt ein regelrechtes selbst initiiertes Powerlernen ein. Innerhalb weniger Tage und Wochen werden viele Wörter visuell neu gespeichert und sind dann sicher im Rechtschreibgewissen gespeichert.

Für Kinder und Jugendliche, die auch visuell Probleme haben oder anders ausgedrück, für die die visuelle Merkfähigkeit noch kein trainiertes Gebiet ist, dauert es etwas länger. Nach und nach gewinnen sie jedoch ebenfalls immer mehr Sicherheit und nähern sich langsam, aber mit einem guten sicheren Gefühl dem Niveau ihrer Altersklasse an.

Es leuchtet mir überhaupt nicht ein, dass ein wesentliches Gebiet der Wahrnehmung, das wir für die Beherrschung der Rechtschreibung unbestreitbar wichtig ist, eben die visuelle Wahrnehmung, in vielen Nachhilfeangeboten für rechtschreibschwache Schüler so wenig Beachtung findet. Stattdessen wird das Abhören von Lauten (akustische Wahrnehmung) und das Anwenden von Regeln nach abgehörten Lauten geübt. Das ist sehr umständlich! Beispiel: „Hörst du einen kurzen Vokal in der Stammsilbe und hörst du nach dem kurzen Vokal nur einen Konsonant, dann wird dieser verdoppelt.“ Wie soll man so eine Anweisung beim Schreiben umsetzen? Es ist doch viel einfacher und beim Schreiben ruck zuck umzusetzen,  zu wissen, wie die Wörter aussehen: Teller, Messer, Tasse. Meine Schülerinnen und Schüler sehen das übrigens genauso.

Ulla Kloß

Dez 06

Wie wird eine LRS durch ‚visuelle Bewusstheit‘ korrigiert?

Was ist eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS)?

Eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) besteht im Kern aus einem oder mehreren ungünstigen Abläufen des Lese- oder Schreibprozesses (unbewussten Automatisierungen) im Gehirn.
LRS-Korrektur

Um die Lese-Rechtsschreib-Störung zu beheben, muss der Kern der Störung beseitigt werden. Dies geschieht mit Hilfe einer genauen Analyse des individuellen Lese- und Schreibablaufs und mit Hilfe des Konzepts der visuellen Bewusstheit.
Visuelle Bewusstheit

Wenn man sich etwas merken will, ist man zwangsläufig auf seine Sinne angewiesen. Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken – was man behalten will, muss im Gehirn an einen dieser fünf Sinne anhängt werden und wird, um es zu erinnern, auch über diesen Sinn wieder abgerufen. Das häufigste Problem bei einer LRS ist die ungünstige Primärverknüpfung zu schreibender Wörter an den Hör-Sinn. Da wir nicht schreiben, wie wir sprechen, kann dies nicht funktionieren. Zum „Recht-Schreiben“ ist visuelle Bewusstheit unablässig. mehr

 

Aug 18

Video – Wörter sehen

Auf diesem Video zeigt die Schülerin die effektive Art, ihre Augen zu benutzen, um die visuellen Kanäle zu öffnen.

Aug 18

Rechtschreibung kann nicht von der gesprochenen Sprache abgehört werden

Immer wieder begegnet man selbst bei Experten der naiven Vorstellung, man könne es hören, wie deutsche Wörter geschrieben werden müssen. Das Einzige, was es dazu bedürfe, sei langsam und deutlich zu sprechen. So kommen auch die meisten Kinder in meine Praxis mit der Klage: „Ich kann nicht so gut hören.“ oder „Ich höre das nicht so genau.“ Leider – tragischer Weise – ist das jedoch gar nicht möglich. Weiterlesen »

Aug 05

Rechtschreibtraining am BSO – Auszüge aus dem Abschlussinterview mit einem Schüler aus der 11BFIT Juni 2012

Ursprünglicher Fehlerquotient bei über 30%, dann 13%. ¾ Jahr Training, 1x pro Woche Schulzeit.

Ulla Kloß: „Hallo Stefan, wie waren Ihre Erfahrungen mit diesem Rechtschreibtraining?“

Stefan: „Eigentlich gut, weil all die anderen Rechtschreibkurse, die ich gemacht habe, die waren sehr viel anders aufgebaut, sozusagen, die waren nicht so tiefgehend, sozusagen, mehr so pauken, lesen, solche Sachen, also einfach sehr viel anders.“ (grinst)

UK: „Woran haben Sie das gemerkt, dass es tiefgehend war? Oder was meinen Sie genau mit dem Wort „tiefgehend“?

St: „Naja, wir sind die Materie von vielen verschiedenen Seiten aus angegangen. Und haben einfach sehr viele verschiedene Wege genutzt, um uns die Materie zu Gemüte zu führen. Wir haben halt das Buchstabieren gemacht und die Wortbilder angeschaut – ähm, eigentlich haben wir ja immer beides zusammen gemacht, und Sätze geschrieben, und das eben intensiv gemacht. Und (haben) nicht nur die ganze Zeit gepaukt und den Kopf vollgeschlagen bis zum Geht-nicht-mehr, so dass man nur noch verwirrt ist. – Wir haben das einfach, ja ich würde nicht gerade sagen lässig, aber wir haben das einfach ruhig gemacht. Also ruhig, aber doch intensiv, würde ich sagen. Ja.“

UK: „Okay, Sie hatten also den Eindruck, unser Training war intensiv und tiefgehend, aber war es denn für Sie auch effektiv? “

St: „Ja, ich denke schon. Also ich habe gemerkt, dass ich in der letzen Zeit vor allem viel mehr über meine Rechtschreibung nachdenke, und dass ich auch nicht mehr so sehr ‚huddele‘, dass ich mir über die Wörter, die ich schreibe, Gedanken mache und gucke, wie ist das jetzt hier richtig. Dass ich jetzt auch mal einen Zettel zur Hand nehme und das Wort ausprobiere, und gucke wie es richtig ausschaut. – Ich habe auch sehr gemerkt, dass sich meine Rechtschreibung verbessert hat, einfach so durch das intensive Lernen, weil das ist so: diese Art zu lernen geht mehr in das Gehirn hinein, sozusagen, ich weiß nicht genau, wie ich das jetzt beschreiben soll. “ (lacht)

UK: „Wie sicher haben Sie sich beim Schreiben gefühlt, bevor wir angefangen haben miteinander zu arbeiten? Ihre Sicherheit auf der Skala 1 bis 10, – wenn 10 ‚sehr sicher‘ und 1 ‚absolut unsicher‘ bedeutet? “

St: „Oh, Sicherheit? – Also, das war mehr so eine Art Kampf, immer wenn ich etwas geschrieben habe. Sicherheit war da sowieso nicht so ganz da, weil ich die Sachen immer einfach so geschrieben hab. Es war  vielmehr so, ich hab mir gesagt, wenn ich es sowieso nicht so richtig kann, dann lass es einfach so stehen, dann muss das eben so funktionieren. “

UK: „Okay. – Also noch mal die Frage: Sicherheit auf der Skala 1 bis 10, wie hoch war die? “

St: „Also, bis 2, maximal, 1 ½  bis 2, also es gab schon Wörter, die ich schreiben konnte. Ja, wie schon gesagt, ich war mir eigentlich permanent, fast permanent unsicher, ich meine ganz einfache Wörter konnte ich vielleicht, wie ‚Ei‘, da kann man ja nicht viel falsch schreiben. – Ja, so war es.“

UK: „Und wie beurteilen Sie Ihre Rechtschreibsicherheit jetzt?“

St: „Also, ich mache mir jetzt viel mehr Gedanken über die Sachen, nehme mich der Materie mehr an, also nach dem momentanen Stand, jetzt ist es eher so 5, 6, 7 manchmal auch 8 vielleicht, das kommt immer auf die Texte an. “

UK: „ Jetzt hab ich noch mal eine spezielle Frage:  Mein Konzept arbeitet ja mit dieser visuellen Bewusstheit, mit dem inneren Vorstellen von den Wörtern. Wie würden Sie das bewerten, hat das für Sie einen Unterschied gemacht oder war das eher nicht so wichtig? “

St: „Naja, ich denke, wenn das Gehirn so arbeite und wenn man dann, und wenn das nun mal wirklich so ist, dass man das (die Wörter) so im Kopf drin sieht und, wenn man einen schwarzen Hintergrund hat und schwarze Schrift (wie das bei mir war), dann ist es eben weniger gut. Sozusagen, dann hat es schon viele Vorteile, wenn man einen weißen Hintergrund hat und schwarze Schrift  (so wie es jetzt ist).“

UK: „Und merken Sie das beim Schreiben? “

St: „ (überlegt 10 Sekunden) Ich weiß es gar nicht. (überlegt 5 Sekunden) Also es gibt schon Wörter, ich denke schon, dass es Wörter gibt, die mir schon durch dieses visuelle Durchkauen, sag ich jetzt mal, was wir oft gemacht haben, sehr im Kopf geblieben sind, dass die Wörter dann einfach da sind, die sehe ich einfach so in meinem Kopf drin, und dann la la la einfach abschreiben kann, als hätte ich es in meinem Kopf auf einen Spickzettel geschrieben und dann guck ich einfach drauf und kann es abschreiben. “ (lacht)

UK: „La la la ?“

St: „Ja, genau la la la la, die sehe ich dann einfach und dann kann ich die schreiben. “

UK: „ Also da gibt es Wörter. Welche zum Beispiel? “

St: „Ja, zum Beispiel das Wort Gras‘, was ich vorher mit scharfem ß geschrieben habe und jetzt sehe ich das mit einfachem s und dann kann ich es einfach abschreiben. “

UK: „Okay. Das steht dann einfach so im Kopf?“

St: „Ja.“

UK: „Und was würden Sie sagen, was hat am meisten genutzt, von den ganzen Sachen, die wir gemacht haben, also das Wörter-Sehen, Buchstabieren, die Kommas, Verben üben, die Groß- und Kleinschreibung, die Sätze? “

St: „Oh, hm. Wenn ich jetzt mal so drüber nachdenke, dann denke ich, dass es… Dann war es vielleicht tatsächlich dieses visuelle Durchkauen, denn wenn das jetzt Wörter waren, die ich von klein auf irgendwie falsch gelernt hatte, oder irgendwie falsch im Kopf hatte, dass ich die dann einfach umgeändert habe und jetzt einfach die richtigen Bilder in meinem Kopf habe, und dann kann ich sie im Prinzip nicht mehr falsch machen, wenn ich die Bilder so in meinem Kopf habe, ich schreibe sie nur noch ab und kann dabei pfeifen, lachen. “ (lächelt)

UK: „Und ein sicheres Gefühl haben? “

St: „Ganz genau! “

UK: „Gut gesagt. – Sie fühlen sich einigermaßen sicher, obwohl jetzt noch ein bisschen was fehlt?“

St: „Ja, das kann man ja auch noch ausarbeiten. Ich habe ja noch ein bisschen Zeit. Jetzt gehe ich ja erst mal ins Ausland und bis dahin und wenn ich dann wieder in die Schule gehe, dann kann ich ja da noch mal weiter dran arbeiten. “

UK: „Gibt es noch etwas, was Sie noch sagen möchten, etwas, was wichtig wäre, ein Tipp für mich, wenn ich das jetzt noch mal unterrichte?“

St: „Für Sie, hm, ich denke, Sie haben das gut gemacht!“ (grinst)

UK: „Danke schön. – Dann bedanke ich mich für das Gespräch.“

St: „Kein Problem.“